Neue Rechte oder alter Konservatismus? Eine Auswertung.

Im Wintersemester 2013/14 lief die Veranstaltungsreihe „Neue Rechte oder alter Konservatismus? Von Tradition und Heimat. Von Nationalismus und Rassismus“, organisiert von verschiedenen studentischen Gruppen, die an der Uni Hamburg aktiv sind. Das vorläufige Ende der Reihe wollen wir dazu nutzen, ein Fazit aus den gelaufenen Veranstaltungen zu ziehen.

Anlass der Veranstaltungsreihe war die zunehmende Präsenz von Strukturen der Neuen Rechten wie z.B. studentischen Verbindungen oder Gruppen wie „die Identitären“ im Kosmos Universität.
In Form von Flyern und Aktionen auf dem Campus oder in Seminaren sahen wir einen Wiederanstieg neu-rechter Aktivitäten und den Versuch, diese ins Campusleben zu integrieren. Ziel der Reihe war es über Aktivitäten und Ideologien der neuen Rechten an der Uni zu informieren und zu sensibilisieren. Im Fokus stand dabei immer auch ein Rückbezug auf gesellschaftliche Verhältnisse, die neu-rechte Ideologien möglich machen. In vielen Fällen stellen Positionen der neuen Rechten Schnittstellen von bürgerlicher Gesellschaft und extremer Rechter dar. Die Veranstaltungen sollten über Personen und Strukturen der Neuen Rechten in Hamburg aufklären sowie deren ideologische Hintergründe, historische Bezüge und Kontinuitäten sichtbar machen.

Wir glauben, eine erfolgreiche Veranstaltungsreihe hinter uns zu haben. Nicht nur waren die Veranstaltungen mit jeweils zwischen 30 und 90 Personen gut besucht, auch ist es uns gelungen ein Publikum anzusprechen, welches nicht ausschließlich das ‚klassische Szenepublikum‘ darstellt und somit die Themen in eine ‚breitere Öffentlichkeit‘ zu tragen.  Es war uns wichtig, einen Beitrag zur Repolitisierung des Raumes Universität zu leisten und einen Grundstein für eine Auseinandersetzung mit reaktionären Positionen zu legen.

Inhaltlich hätten manche Veranstaltungen noch tiefgehender und differenzierter sein können. So blieb vor allem die Veranstaltung zu „Die Identitären – mit Flashmobs gegen den Untergang des Abendlandes“ sehr oberflächlich und schaffte es nicht die gewünschte Tiefe der Auseinandersetzung zu erlangen. An dieser Stelle sehen wir noch inhaltlichen Handlungsbedarf, den wir versuchen werden aufzugreifen.

Sollte die Reihe fortgesetzt werden, wollen und müssen wir stärker auf die Verteilung der Referierenden achten. So war unter den 7 Referierenden nur eine Frau*i (die zudem eine Veranstaltung zu Sexismus und Homophobie in Männerbünden und somit einem (nach wie vor) strukturell weiblich* konnotiertem Thema eingeladen wurde). Mit der Auswahl ansonsten ausschließlich männlicher* Referierender wurde die ohnehin starke männliche* Prägung des Diskurses um die Neue und die extreme Rechte von uns unkritisch aufgegriffen und fortgeführt.

Außerdem sind alle eingeladenen Referierenden Teil der weiß-deutschen Mehrheitsgesellschaft gewesen. Somit haben wir zum einen die enorme Unterrepräsentanz Schwarzer Akademiker*innen und Akademiker*innen of Color in linken wie in wissenschaftlichen Räumen reproduziert. Eine Reproduktion, die zur Folge hat, dass die Dominanz von weißen Definitions- und Deutungsansprüchen bestehen bleibt. Ein Problem, was insbesondere bei Analysen in Bezug auf Rassismus einer grundlegenden Veränderung bedarf, da es dem Kampf rassifizierter Menschen,
selbst Deutungshoheit über Bestimmungen und Definitionen von Rassismus zu erlangen, entgegen wirkt. Eine Situation, die sich nicht unmittelbar lösen lässt, die aber in linken und wissenschaftlichen Kontexten mehr Beachtung benötigt. An dieser Stelle wollen wir Selbstkritik üben, aber auch an andere appellieren. Dies ist kein Einzelfall in unserer Veranstaltungsreihe sondern repräsentativ für weite Teile des linken Diskurses in Deutschland, was es umso wichtiger macht, die auch darin hervortretenden Herrschafts- und Machtstrukturen kritisch zu betrachten und aufzubrechen.

Ziel unserer Veranstaltungsreihe war es, rechtes und rassistisches Gedankengut nicht nur bei neo-nazistischen und -faschistischen Strukturen zu verorten, sondern bekanntes Terrain zu verlassen und diese ominöse „Mitte der Gesellschaft“ und „Grauzone“ einer kritischen Betrachtung zu unterziehen. Aus unserer Sicht ist deutlich geworden, dass diese Herangehensweise zwingend in antifaschistische Arbeit einbezogen werden muss. Neo-Nazis sind keine separate Subkultur, sie sind verbunden mit rechten und rassistischen Positionen in der Mehrheitsgesellschaft, ihr Handeln findet immer wieder Legitimation in öffentlichen Darstellungen und staatlichem Handeln. In den Veranstaltungen – die ihr euch zeitnah auch noch mal im Internet anhören könnt – sind diese Überschneidungen deutlich geworden. Unser Credo zu Beginn der Reihe bleibt also bestehen: „Bei Befürwortung und Unterstützung rassistischer und faschistischer Tendenzen, bei Tolerierung oder Wegschauen von Aktivitäten der extremen Rechten wird Widerstand zur Pflicht. Die Veranstaltungen dieser Reihe mögen Ansatzpunkte für widerständiges Handeln liefern. […] Die aktuellen Verhältnisse, in denen wir tagtäglich auf Rassismus, Chauvinismus an andere menschenverachtende Positionen stoßen, sind nicht alternativlos. Emanzipation durch Solidarität ist möglich. Handelt solidarisch und emanzipiert euch kooperativ! Für einen Campus ohne Sexismus, Nationalismus, Rassismus und andere Diskriminierungen! Für eine Gesellschaft der Solidarität – werdet aktiv und wehrt Euch!“

Aktuell planen wir die Veranstaltungsreihe im Herbst weiter zu führen. Auch wenn sich der Fokus inhaltlich etwas verschiebt, werden wir versuchen an die vergangenen Veranstaltungen anzuknüpfen und planen auch die Veranstaltung „vom Nationalismus der Mitte zum Bürger-Mob“ in seiner ursprünglich geplanten Form zu wiederholen.

Danke für eure Teilnahme, euer Feedback und eure Unterstützung! Wir hoffen euch im Sommer wieder zu sehen. Weitere Ankündigungen findet ihr rechtzeitig auf dieser Seite!
-------
Die vergangenen Veranstaltungen gibt es jetzt auch zum Nachhören.