Neue Rechte oder alter Konservatismus? Von Tradition und Heimat, Nationalismus und Rassismus. Eine Kritik der Neuen Rechten [2.0]

Im vergangenen Wintersemester fand nach langer Zeit wieder eine Veranstaltungsreihe zur Neuen Rechten am Campus der Universität Hamburg statt. In sechs Veranstaltungen wurden Strukturen und ideologische sowie historische Bezüge der sogenannten Neuen Rechten analysiert und aufgeklärt. An diese Veranstaltungen wollen wir im kommenden Wintersemester anschließen und die thematische Auseinandersetzung fortführen. Anlass für diese Reihe war und ist die zunehmende Präsenz rechter Strukturen an der Universität Hamburg. Auf diese Aktivitäten gilt es zu reagieren und in die inhaltliche Auseinandersetzung mit den Ideologien der neuen Rechten zu treten.

Von Strategie und Ideologie: Die Universität als Aktionsfeld
Die Neue Rechte reorganisiert extrem rechte Positionen in neuer Sprache und greift so strategisch in der Gesellschaft vorhandene Ressentiments auf. Begriffe des (völkischen) Nationalismus wie „Rasse“ werden vermieden und im Konzept des Ethnopluralismus durch eine vermeintliche natürliche Differenz zwischen Ethnien beziehungsweise Nationen ersetzt. Gegen eine „multikulturelle“ Gesellschaft müssen, dieser Ansicht nach, die Differenzen bewahrt werden. Die rassistische Artikulierung der Ungleichwertigkeit bleibt die gleiche. Sie ist nur ansprechender verpackt. Neben der Sichtbarmachung der gesellschaftlichen Funktionsweise neu-rechter Begriffe geht es darum diese Anschlussversuche in politischen Diskursen zu benennen, zu deligitimieren und gemeinsam zurück zu drängen. Denn diese können die ideologische Rechtfertigung für Diskriminierungen und Gewalttaten gegen Menschen, die als „abweichend“ konstruiert werden, bilden. Auch der Campus kann als gesellschaftliches Aktionsfeld für neu-rechte Strukturen verstanden werden, wenn Studentenverbindungen wie die Germania Plakate gegen Flüchtlinge aufhängen. Hier haben Studentenverbindungen oder Identitäre die Möglichkeiten chauvinistische Konzepte zum Ausschluss von Frauen*, nicht-weißen Personen, Menschen mit Behinderungserfahrungen oder Menschen, die nicht der heteresexuellen Norm entsprechend leben, zu prägen und zu verbreiten.

Vom Rassismus der extremen Rechten zur Mitte der Gesellschaft.
Ziel unserer Veranstaltungsreihe ist es nicht bei der Beschäftigung rassistischer und neonazistischen Strukturen stehen zu bleiben, sondern das bekannte Terrain zu verlassen und die ominöse „Mitte der Gesellschaft“ und „Grauzone“ einer kritischen Betrachtung zu unterziehen. Rassistische Positionen gibt es nicht allein in der neonazistischen Subkultur. Es gibt sie ebenfalls in der Mehrheitsgesellschaft. Wir wollen uns mit ideologischen Überschneidungen beschäftigen und ebenso versuchen für diese gesellschaftliche Entwicklungen Erklärungen zu finden:
Wie können die guten Wahlergebnisse der rechtspopulistischen Partei Alternative für Deutschland erklärt werden? Welche Wandlung von Nationalismus geht mit Euro-Krise beziehungsweise der Männerfußball-WM einher? Wie rechts ist Europa im Moment? Wie agieren rechte Gruppierungen in dieser politischen Situation?

Von Solidarität und Emanzipation: Same procedure as every year!
Die Veranstaltungen dieser Reihe mögen Ansatzpunkte für widerständiges Handeln liefern. Wir sind ein Veranstaltungskreis aus verschiedenen an der Uni aktiven Gruppen. Auch, da insbesondere die Uni ein Ort ist, wo widerständig sein eine hohe Bedeutung hat. Wissenschaft ist kritisch oder sie ist nicht. Ungerechtigkeit und Ursachen für Diskriminierung in der Gesellschaft müssen kritisch hinterfragt werden. Wissenschaft hat das Potenzial, diesem Anspruch gerecht zu werden und muss daher in antifaschistische Arbeit miteinbezogen werden. Die aktuellen Verhältnisse, in denen wir tagtäglich auf Rassismus, Chauvinismus und andere menschenverachtende Positionen stoßen, sind nicht alternativlos. Emanzipation durch Solidarität ist möglich. Handelt solidarisch und emanzipiert euch kooperativ! Für einen Campus ohne Sexismus, Nationalismus, Rassismus und andere Diskriminierungen! Für eine Gesellschaft der Solidarität – werdet aktiv und wehrt Euch!

Was ist die Neue Rechte?

„Die Bezeichnung „Neue Rechte“ beschreibt eine nicht klar zu umreißende Anzahl an Personen, Medien und Gruppen, die sich im Gegendiskurs zu 1968 verstehen und ihr ideologisches Vorbild in der Konservative Revolution finden. Ihr Ziel ist, die politische Hegemonie durch Beeinflußung kultureller Eliten zu erreichen, als deren sie sich selbst verstehen. Sie konzentrieren sich dementsprechend auf Metapolitik und nicht auf Tagespolitik oder Parteienlogik. Die Neue Rechte ist ein Mischspektrum, das die extreme Rechte und stark wertkonservatives Gedankengut vereint.“ (vgl. Glösel, Strobl, Bruns 2014: Die Identitären).

Neue Rechte oder alter Konservatismus? Eine Auswertung.

Im Wintersemester 2013/14 lief die Veranstaltungsreihe „Neue Rechte oder alter Konservatismus? Von Tradition und Heimat. Von Nationalismus und Rassismus“, organisiert von verschiedenen studentischen Gruppen, die an der Uni Hamburg aktiv sind. Das vorläufige Ende der Reihe wollen wir dazu nutzen, ein Fazit aus den gelaufenen Veranstaltungen zu ziehen.

Anlass der Veranstaltungsreihe war die zunehmende Präsenz von Strukturen der Neuen Rechten wie z.B. studentischen Verbindungen oder Gruppen wie „die Identitären“ im Kosmos Universität.
In Form von Flyern und Aktionen auf dem Campus oder in Seminaren sahen wir einen Wiederanstieg neu-rechter Aktivitäten und den Versuch, diese ins Campusleben zu integrieren. Ziel der Reihe war es über Aktivitäten und Ideologien der neuen Rechten an der Uni zu informieren und zu sensibilisieren. Im Fokus stand dabei immer auch ein Rückbezug auf gesellschaftliche Verhältnisse, die neu-rechte Ideologien möglich machen. In vielen Fällen stellen Positionen der neuen Rechten Schnittstellen von bürgerlicher Gesellschaft und extremer Rechter dar. Die Veranstaltungen sollten über Personen und Strukturen der Neuen Rechten in Hamburg aufklären sowie deren ideologische Hintergründe, historische Bezüge und Kontinuitäten sichtbar machen.

Wir glauben, eine erfolgreiche Veranstaltungsreihe hinter uns zu haben. Nicht nur waren die Veranstaltungen mit jeweils zwischen 30 und 90 Personen gut besucht, auch ist es uns gelungen ein Publikum anzusprechen, welches nicht ausschließlich das ‚klassische Szenepublikum‘ darstellt und somit die Themen in eine ‚breitere Öffentlichkeit‘ zu tragen.  Es war uns wichtig, einen Beitrag zur Repolitisierung des Raumes Universität zu leisten und einen Grundstein für eine Auseinandersetzung mit reaktionären Positionen zu legen.

Inhaltlich hätten manche Veranstaltungen noch tiefgehender und differenzierter sein können. So blieb vor allem die Veranstaltung zu „Die Identitären – mit Flashmobs gegen den Untergang des Abendlandes“ sehr oberflächlich und schaffte es nicht die gewünschte Tiefe der Auseinandersetzung zu erlangen. An dieser Stelle sehen wir noch inhaltlichen Handlungsbedarf, den wir versuchen werden aufzugreifen.

Sollte die Reihe fortgesetzt werden, wollen und müssen wir stärker auf die Verteilung der Referierenden achten. So war unter den 7 Referierenden nur eine Frau*i (die zudem eine Veranstaltung zu Sexismus und Homophobie in Männerbünden und somit einem (nach wie vor) strukturell weiblich* konnotiertem Thema eingeladen wurde). Mit der Auswahl ansonsten ausschließlich männlicher* Referierender wurde die ohnehin starke männliche* Prägung des Diskurses um die Neue und die extreme Rechte von uns unkritisch aufgegriffen und fortgeführt.

Außerdem sind alle eingeladenen Referierenden Teil der weiß-deutschen Mehrheitsgesellschaft gewesen. Somit haben wir zum einen die enorme Unterrepräsentanz Schwarzer Akademiker*innen und Akademiker*innen of Color in linken wie in wissenschaftlichen Räumen reproduziert. Eine Reproduktion, die zur Folge hat, dass die Dominanz von weißen Definitions- und Deutungsansprüchen bestehen bleibt. Ein Problem, was insbesondere bei Analysen in Bezug auf Rassismus einer grundlegenden Veränderung bedarf, da es dem Kampf rassifizierter Menschen,
selbst Deutungshoheit über Bestimmungen und Definitionen von Rassismus zu erlangen, entgegen wirkt. Eine Situation, die sich nicht unmittelbar lösen lässt, die aber in linken und wissenschaftlichen Kontexten mehr Beachtung benötigt. An dieser Stelle wollen wir Selbstkritik üben, aber auch an andere appellieren. Dies ist kein Einzelfall in unserer Veranstaltungsreihe sondern repräsentativ für weite Teile des linken Diskurses in Deutschland, was es umso wichtiger macht, die auch darin hervortretenden Herrschafts- und Machtstrukturen kritisch zu betrachten und aufzubrechen.

Ziel unserer Veranstaltungsreihe war es, rechtes und rassistisches Gedankengut nicht nur bei neo-nazistischen und -faschistischen Strukturen zu verorten, sondern bekanntes Terrain zu verlassen und diese ominöse „Mitte der Gesellschaft“ und „Grauzone“ einer kritischen Betrachtung zu unterziehen. Aus unserer Sicht ist deutlich geworden, dass diese Herangehensweise zwingend in antifaschistische Arbeit einbezogen werden muss. Neo-Nazis sind keine separate Subkultur, sie sind verbunden mit rechten und rassistischen Positionen in der Mehrheitsgesellschaft, ihr Handeln findet immer wieder Legitimation in öffentlichen Darstellungen und staatlichem Handeln. In den Veranstaltungen – die ihr euch zeitnah auch noch mal im Internet anhören könnt – sind diese Überschneidungen deutlich geworden. Unser Credo zu Beginn der Reihe bleibt also bestehen: „Bei Befürwortung und Unterstützung rassistischer und faschistischer Tendenzen, bei Tolerierung oder Wegschauen von Aktivitäten der extremen Rechten wird Widerstand zur Pflicht. Die Veranstaltungen dieser Reihe mögen Ansatzpunkte für widerständiges Handeln liefern. […] Die aktuellen Verhältnisse, in denen wir tagtäglich auf Rassismus, Chauvinismus an andere menschenverachtende Positionen stoßen, sind nicht alternativlos. Emanzipation durch Solidarität ist möglich. Handelt solidarisch und emanzipiert euch kooperativ! Für einen Campus ohne Sexismus, Nationalismus, Rassismus und andere Diskriminierungen! Für eine Gesellschaft der Solidarität – werdet aktiv und wehrt Euch!“

Aktuell planen wir die Veranstaltungsreihe im Herbst weiter zu führen. Auch wenn sich der Fokus inhaltlich etwas verschiebt, werden wir versuchen an die vergangenen Veranstaltungen anzuknüpfen und planen auch die Veranstaltung „vom Nationalismus der Mitte zum Bürger-Mob“ in seiner ursprünglich geplanten Form zu wiederholen.

Danke für eure Teilnahme, euer Feedback und eure Unterstützung! Wir hoffen euch im Sommer wieder zu sehen. Weitere Ankündigungen findet ihr rechtzeitig auf dieser Seite!
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Die vergangenen Veranstaltungen gibt es jetzt auch zum Nachhören.

[18.02.2014] Vom Nationalismus der Mitte zum Bürger-Mob > Update!

Die Reihe „Neue Rechte oder alter Konservatismus?“ geht zu Ende. Fünf Veranstaltungen zu „Tradition und Heimat, Nationalismus und Rassismus“ sind bereits gelaufen. Wir hoffen, dass wir einen guten Einblick in die Sphäre der Neuen Rechten an der Uni (und darüber hinaus) geben konnten. Am Dienstag, den 18.02. findet die letzte Veranstaltung statt. Ein Referent des Bildungskollektivs Biko wird über Nationalstaat, Nationalismus und die aktuellen rassistischen Diskurse um Asylunterkünfte in Deutschland referieren (fb-event):


[18.02.2014] Vom Nationalismus der Mitte zum Bürger-Mob

18:30, Universität Hamburg, Von-Melle-Park 9 (ehem. HWP), Raum S29

UPDATE: Der angefragte Referent hat leider abgesagt. Zum Glück haben wir mit Volker Weiß von ‚kritisch-lesen.de‘ einen guten Ersatz gefunden. Inhaltlich ändert sich die Veranstaltung dahingehend, dass wir einen Vortrag zu Sarrazin als Fortsetzung der Denker der „Konservativen Revolution“ hören werden. Im Prinzip geht es darum, am Beispiel von „Deutschland schafft sich ab“ die Renaissance einer Weltanschauung der Zwanziger Jahre nachzuweisen. Das Ganze orientiert sich an Volker Weiß‘ Buch ‚Deutschlands Neue Rechte‘ von 2011.

[16.01.2014] Studentenverbindungen -Homophobie und Sexismus in Männerbünden

Die meisten Studentenverbindungen sind Männerbünde. Ihre moderne Form entstand zu Beginn des neunzehnten Jahrhunderts, als der einheitliche Nationalstaat erkämpt und die bürgerliche (Geschlechter-)Ordnung durchgesetzt wurde. Wehrhaftigkeit, Mut, Aufopferungsbereitschaft für
das nationale Kollektiv und nicht zuletzt Triebbeherrschung und Unterordnung – Studentenverbindungen hatten immer eine ziemlich genaue Vorstellung davon,wie Männlichkeit zu sein habe und wozu Männer bereit
sein müssten. Dies ist jedoch nur durch den Ausschluss von Weiblichkeit und der Abwertung von weiblichen Attributen zu haben: Homophobie und Sexismus stellen daher zwei Kernbestandteile männerbündischer
Idealvorstellung dar. Im Vortrag soll eine einführende Annäherung an die politischen und psychologischen Grundlagen des Männerbundes vorgenommen und dieser in einen gesellschaftlichen Kontext eingeordnet werden.